Niech  żyje dopełniacz! - Der Genitiv, er lebe hooch!
Ein Fall für viele Fälle

Vor Jahren brachte mal jemand ein Büchlein raus mit dem augenzwinkernden Titel "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod".
Ob es irgendwas bewirkt hat, sei mal dahingestellt. Fest steht, dass der Genitiv z.B. in der polnischen Sprache zu den völlig unentbehrlichen Ausdrucksmitteln gehört, und zwar unabhängig von Bildungsferne oder -nähe: Jedes Kind, das in die Schule kommt, kann schon ganz gut damit umgehen.
Nicht nur das Schulkind, auch der Polen-Reisende kommt gar nicht vorbei am Genitiv. Der überfällt ihn gleich nach der Landung in Warschau:


"Flughafen Chopins in Warschau" heißt das - Chopina ist Genitiv von Chopin.
Am Hauptbahnhof durfte er auch nicht fehlen, als die Bahn 2018 dem Land zum Unabhängigkeitsjubiläum gratulierte:  WSZYSTKIEGO NAJLEPSZEGO, POLSKO! = Alles Beste, Polen!. Die zwei Wörter mit -ego sind Genitiv von "wszystko" = alles bzw. "najlepszy" = beste. Auf Deutsch könnte man's gar nicht genitivisch sagen.
"Wszystkiego najlepszego!" sagt man auch im Sinne von Herzlichen Glückwunsch!
"Polsko" ist dagegen die Anredeform, der "Vokativ", von "Polska" = Polen:   (Der ist auch noch immer sehr wichtig, obwohl im klassischen Latein schon Cicero ihn nicht mehr benutzte)



            

In der Stadt verfolgt er einen auf Schritt und Tritt (der Genitiv, Chopin und der Vokativ etwas weniger), denn kaum ein Straßenschild kommt ohne ihn aus.  Hier sieht man ihn an der Kreuzung der "ul. Złota" = Straße des Goldes und "Aleja Jana Pawła drugiego" = Allee Johannes Pauls des Zweiten: (im Hintergrund das Bauwerk "Złota 44" von Daniel Libeskind, Höhe 195 Meter = wysokość 195 metrów (Gen. von metr). "II" wird "drugiego" ausgesprochen, das ist Genitiv von "drugi", was "der zweite" heißt; die schlichte "zwei" heißt "dwa".

Auch die Vor- und Nachnamen von Ausländern bleiben nicht verschont:


      
(Ja, der Baum ist eine Palme - nur echt ist sie nicht.) Im Hintergrund das Museum der Geschichte der polnischen Juden ("POLIN")  



So einfach wie bei uns: Charles-de-Gaulle-Kreisel oder Willy-Brandt-Platz, so geht es nicht, sondern Vor- und Nachname müssen beide im Genitiv folgen hinter ulica (Straße), plac (Platz), skwer (Square), rondo (Kreisverkehr), aleja (Allee) usw.
Beim Chopin-Flughafen fällt gleich noch ein anderer Fall auf, den wir gar nicht kennen: der Lokativ. Der Lokativ muss ran, wenn ein Ort, z.B. Warszawa, mit der Präposition "w" = "in" eingeleitet wird: "w Warszawie" heißt eben "in Warschau", oder "w Nowym Jorku" = "in New York" (Nominativ: Nowy Jork).
Bei uns tut's der Dativ: "im Wald / in den Wäldern" = "w lesie / w lasach" (Wald = las).

In Wörterbüchern stehen die Namen berühmter Menschen und dazu ihre Genitive. Hier mal als Beispiel ein anderer historischer Kanzler: (aus dem "Słownik ortograficzny" von 2003)

Also: "ul. Helmuta Kohla" müsste auf dem Straßenschild stehen. Die Form "o Helmucie Kohlu", das ist wiederum der Lokativ. Der ist auch wichtig und zuständig, wenn man über etwas oder jemand spricht - "o" heißt "über. Warum ist das so? Lokativ, das Wort soll zwar von "locus" = Ort stammen, aber denkbar wäre auch "loqui" = reden, sprechen. Der polnische Name, "miejscownik", kommt zwar von "miejsce", was nur "Ort" heißt - den Muttersprachler kümmert's so oder so nicht, aber er macht's richtig!

Noch was Nettes: Unser akkusativischer Spruch "(Ich wünsche) einen schönen Tag!" wird genitivisch formuliert: "(Życzę) miłego dnia!" = "(Ich wünsche) des schönen Tages!". Nun ja, wir könnten immerhin sagen: "Erfreuen Sie sich eines schönen Tages!" Das übersetzt Google ebenfalls mit "Miłego dnia!".
Ferner kann man einer Sache oder Person gewahr, bewußt, abgeneigt oder überdrüssig werden.
Noch immer kann oder darf man sich auch eines Besseren oder Anderen belehren lassen oder be- bzw. entsinnen - das sagt man aber anders, z.B. "sie wurde eines Besseren belehrt" = "otworzono jej oczy"

Für Neugierige: Als Hilfe zur Deklination gibt es eine ganz brauchbare Tabelle, die jedoch nicht verrät, in welchen Situationen die einzelnen Fälle in Aktion treten. Gute Wörterbücher vermerken zwar das Wichtigste bei jeder Präposition und jedem Verb, aber das ist eben längst noch nicht alles! Der polnische Genitiv jedenfalls hat erheblich mehr zu tun als bei uns. Seine sieben wichtigsten Aufgaben sind diese:

1. Viel mehr Verben brauchen den Genitiv, statt sich, wie anderswo, mit dem Akkusativ oder Nominativ zu begnügen. So z.B. "suchen", "(ge)brauchen" und "fehlen":
Ich suche Arbeit = Szukam pracy (statt praca = Arbeit)
Ich brauche ein neues Auto = Potrzebuję nowego samochodu. (statt nowy samochód), wörtlich: "Ich bedarf eines neuen Autos"
Mir fehlt eine passende Briefmarke = Brakuje mi pasującego znaczka. (statt Nominativ: pasujący znaczek) :  "Ich ermangele einer Briefmarke"
Du kannst meinen Computer benutzen! = Możesz korzystać z mojego komputera. :  "Du kannst dich meines Computers bedienen"
(
Die Präposition z (= aus, gegen) verlangt ebenfalls manchmal (!) den Genitiv, aber auch oft den Instrumental, bei uns aber Dativ, wenn sie z.B. für "mit" steht).

Nur bei männlichen Substantiven sind Gen. und Akk. meistens gleich, auch bei den zugehörigen Adjektiven. Eine häufige Endung ist dann "-ego".
Im Französischen fordern die Verben "user", "utiliser" u.a. immer den Genitiv:  "user d'un droit" = von einem Recht Gebrauch machen - auf Deutsch also Dativ.  Aber zu Goethes Zeit sagte man z.B.:  "Gebraucht der Zeit, sie flieht so rasch von hinnen" (Faust I)

Die Präpositionen und ihre Beziehung zu den Fällen sind ebenfalls ein großes Thema: 

2. Viele Präpositionen, die bei uns nicht weiter auffallen, tun's nur mit Genitiv. Da wäre vor allem das ansonsten sehr praktische Pärchen "od ... do ..." zu nennen, es bedeutet "von ... bis ..." (räumlich wie zeitlich):
od Berlina do Warszawy = von Berlin bis oder nach Warschau
od rana do wieczora = von morgens (rano) bis abends (wieczór)
Auch sehr wichtig: "bez" = "ohne" und "u" = "bei" :
bez mojego pozwolenia
= ohne meine Erlaubnis, und  u fryzjera = beim Friseur,
sowie "dla" = "für" und "z" = "aus" ("z" kann auch für "mit" stehen, braucht aber dann den Instrumental):
Dla chcącego nic trudnego = Für den Wollenden ist nichts schwierig, oder Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.  (zu nic siehe auch 3.)
Ten komputer jest wykonany z drewna = Dieser Computer ist aus Holz gemacht.
Und noch 32 andere Präpositionen tun's nicht ohne Genitiv - mehr als für alle anderen Fälle zusammen! Aber einige davon brauchen in manchen Situationen andere Fälle, wie eben "z". Noch mehr über Präpositionen steht in einem eigenen Kapitel.

Nebenbei: Unser "von" hat zwei Bedeutungen:
1. "von A bis B"  beschreibt eine Erstreckung (mit Nominativ). Dem entspricht das polnische "od" (mit Genitiv)
2.  von + Dativ  (oder vom = von dem) drückt eine Zugehörigkeit aus :  so einfach geht's in Polen leider nicht
    "Das Auto von Jan" = "Jans Auto". Auf polnisch geht nur: "samochód Jana" = "das Auto Jans"
          oder  "Die Hütte von Onkel Tom"  =  "chata wuja Toma" = "Hütte Onkels Toms"  (chata ist Nom. wuja und Toma sind Gen.)
    Oder "Der Wind kam von/aus den Bergen / von Osten" = "Wiatr pochodził z gór / ze wschodu"
    (z mit Bedeutung "von" oder "aus" braucht Gen., und Gen.pl. von góra = Berg ist gór; Osten heißt wschód, Gen. = wschodu)
 
3. Ein richtig schwerer Job für den Genitiv (und für uns, das zu lernen): Verneinungen (Negationen), auch mit  ohne, nichts, kein  u.a.:
bez niczego = ohne alles   [wörtl.: ohne des Nichts, "niczego" ist Gen. von "nic=nichts"]
nic nie działa bez diabła = Nichts geht ohne den Teufel [wörtl.: Nichts nicht geht ohne des Teufels, diabeł = Teufel]
nie słyszę tego = Ich höre das/es nicht  (słyszę to = ich höre es; tego = Gen. von to = das, es) 
Nic nie ma w domu. = Es ist [oder wir haben] nichts im Haus.
Nic się nie stało! = Es ist nichts passiert!  [wörtl.: Nichts sich nicht ist passiert! ]
nie lubię tych kolorów = Ich mag diese Farben nicht  (lubię te kolory = Ich mag diese Farben)
żaden nie przyszedł = Niemand ist gekommen. [wörtl.: "niemand ist nicht gekommen")
Ona nigdy nikogo nie pozdrawia! = Sie grüßt einen nie.  [wörtl.: "Sie nie niemand nicht grüßt")
niezależny od nikogo = unabhängig von allen  [wörtl.: Nicht abhängig von niemandes!]
Z niczego nic nie pochodzi. = Aus nichts wird nichts.  [wörtl.: Aus [des] nichts nichts nicht kommt.]
żadnego z nich tam nie było!. = Keiner von denen war da!.  [wörtl.: keines aus ihnen dort nicht war.]

Appetit auf mehr? In der Datenbank steckt eine lange Liste.
Doppelte Verneinung ist sozusagen auf Polnisch eine bekräftigte Verneinung, nicht etwa eine verkappte Bejahung. 
Das sehen und machen auch noch andere so,  z.B. die Franzosen, Spanier und Italiener  (aber ohne Genitiv):

FR: "Rien ne va plus!" = "Nichts nicht geht mehr!"
       (beim Roulette) (aber poln.: koniec obstawiania = Ende des Setzens)

FR: "Je sais que je ne sais rien." = "Ich weiß, dass ich nicht weiß nichts".
PL: "Wiem, że nic nie wiem" = "Ich weiß, dass nichts nicht ich weiß."
ES: "Yo sé que no sé nada" = "Ich weiß dass nicht weiß nichts"
IT: "Non capisco niente" = "Nicht ich verstehe nichts"
Auch sehr schön:
FR: "L'opportunité n'attend personne" = "Die Gelegenheit nicht erwartet niemand".
ES: "La oportunidad no espera a nadie" = "Die Gelegenheit nicht wartet auf niemand"
PL: "Okazja na nikogo nie czeka" = "Gelegenheit auf niemand nicht wartet"
(nikogo = Gen. von nikt = niemand)
Und genauso kann man "ohne alles" nicht wörtlich mit "bez wszystkiego" übersetzen. Google macht aber genau das, DeepL macht es richtig.
Mit "niezależny od nikogo" machen es beide manchmal richtig, manchmal nicht, in beiden Richtungen (August 2022).

Als Regel gilt (in den drei genannten Sprachen): Wenn im Satz ein negierter Ausdruck steht (z.B. mit nic, nikogo, bez ...), dann ist vor das Prädikat (Verb) "nie" zu setzen. In der Praxis denkt man nicht explizit so, sondern die Ausdrucksweisen werden irgendwann Teil des Sprachgefühls. Sokrates hatte das, als er den oben zitierten Satz sagte.

Es gibt zwar auch einfache Verneinungen, aber die brauchen ebenfalls den Genitiv:
Sehr oft liest und hört man "nie ma ...". Wörtlich heißt das "nicht hat ...", aber der Sinn ist "es gibt kein(e)" oder auch auf Berlinisch "ham wa nich" = "haben wir nicht". Nachfolgen muss dann ein Genitiv:
Nie ma mleka = Es gibt keine Milch [wörtl.: "nicht hat der Milch"],  oder "Nie ma dobrych wiadomości" = "Es gibt keine guten Nachrichten."
Sowas sagen die Franzosen gleichfalls genitivisch: "... n'avons pas de lait", bzw. "Il n'y a rien du bon"
Auch  Nie ma wody w pustyni = Es gibt kein Wasser in der Wüste. (wody = Gen. von woda)
Gern gesagt wird auch:  Nie ma sprawy! = Keine Sache!, Macht nichts!, Nicht so wichtig! (sprawy = Gen. von sprawa)
Oder ein Jugendspruch: "szału nie ma!" = "Nichts Besonderes!" (wörtl. "Wahnsinn nicht hat")
Das deutsche "es gibt" ist, nebenbei gesagt, in keine Sprache wörtlich übersetzbar, sondern eine neuhochdeutsche Erfindung; im Grimm'schen Wörterbuch ist seine Geschichte ausführlichst aufgezeichnet unter "geben" (Bd.4,Sp.1703). Auf Polnisch nur "jest" = "ist" oder "są" = "sind".  Beispiel: "Co (jest) na kolację?" - "Są ziemniaki"   = "Was (ist) zum Abendessen?""Sind Kartoffeln".

4. Ferner Mengenangaben mit wenig, viel, mehr, etwas, nichts, und genug u.a.:
mało mleka = wenig Milch (Nom. mleko, also "das Milch")
dużo czasu = viel  Zeit  (czas, männlich.)
coś / nic dobrego / nowego = etwas / nichts Gutes (dobry) / Neues (nowy)
więcej pieniędzy = mehr Geld  (pieniądze/pieniędze ist plural Nom./Gen. von pieniądz = Geldstück)
mnóstwo (oder dość) nonsensu = genug des Unsinns (nonsens = Unsinn; -u ist Endung für Gen. sing. mask.)
Mozart napisał wiele oper = Mozart hat viele Opern geschrieben (oper ist Gen.pl. von opera, s.a. 5.)
Manches davon können auch wir in genitivischer Weise sagen  - korrekt, aber nicht mehr so gebräuchlich:
"zu viel des Guten" = za dużo dobrego  (= Gen. von dobry) oder  "genug des Unsinns" = dość bzdur (bzdur ist Gen. pl. von bzdura)

5. Der Plural gehört zum Kuriosesten, was Polnisch zu bieten hat, und auch da mischt der Genitiv mit:  (dazu noch mehr im Kapitel Zahlen)
Wenn man eine Anzahl von Dingen benennt, muss man den Genitiv pl. verwenden (nicht den Nominativ), wenn die Zahl nicht mit 2,3 oder 4 endet, und nach unbestimmten Zahlwörtern.:
Schuhe: 1 but, 2,3,4 buty, 5,6,... butów
Biere: 1 piwo, 2,3,4 piwa, 5,6,... piw   (nebenbei: Der Genitiv plural hat für Femina und Neutra (piwo) keine Endung.)
Dosen:  Bitte eine / zwei / fünf Dosen Bier :   Proszę puszką piwa / dwie puszki / pięć puszek piwa. ("ein" entfällt also)

Auch pytanie = Frage ist  Neutrum: "Ich habe eine / zwei / fünf / viele Fragen" geht so:   "Mam pytanie / dwa pytania / pięć pytań / dużo pytań."

Doch warum geht der "andere" Plural erst genau bei fünf los bzw. gilt der "richtige" nur für zwei bis vier?  Die Antwort ist schwer zu finden, aber leichter zu erraten. Man wusste von den Griechen, dass sie einen Sonderplural hatten für die Zahl zwei: den "Dual". Damit wollten die Griechen die Zweisamkeit als eine ganz spezielle Mehrzahl herausheben. Wenn das so war, könnten frühe Polen wohl gedacht haben: Dann soll es für uns die vier sein! Zwar ist das Paarwesen auch den Polen hochwichtig, doch man sieht es auch als ein schönes Vorstadium für das Ideal der vierköpfigen Familie. Und das währt ja denn auch erheblich länger und es gibt noch sehr oft sehr viel darüber zu sagen - der wahre und wichtige Plural für 2 bis 4 ist deshalb der nominativische, für mehr als 4 dann der genitivische.
Aber dann wird's doch scheinbar verrückt: Für 22 - 24 ist wieder der Nominativ zuständig, auch für 32-34 usw., aber ab 25-31, 35-41 usw. dann wieder der Genitiv. Das erklärt sich einfach daraus, dass die Zahlwörter oberhalb 20 nicht wie im Deutschen konstruiert sind, also einundzwanzig, zweiundzwanzíg ..., sondern andersrum, wie in vielen anderen Sprachen, z.B. Englisch: twenty-one, twenty-two ..., also dwadzieścia dwa, dwadzieścia trzy usw. Dabei klänge es dann verwirrend, wenn auf die Wörter dwa, trzy und cztery eine andere Form folgen würde als bei den Grundzahlen dwa, trzy und cztery. 

Auch der unbestimmte Plural ohne Nennung einer Zahl, oder mit "viele", "einige" usw., ist ein Fall für den Gen. pl., so z.B. bei "Frohe Festtage" = "Wesołych Świąt" und "Allerheiligen" = "Wszystkich Świętych". Oder "Ich habe viele Fragen" = "Mam wiele pytań". So etwas ist uns immerhin nicht völlig fremd: "Zu viel des Guten".
Der Genitiv plural gilt auch für die Null - das ist nicht unplausibel: auch wir sagen "null Äpfel" oder gleichwertig: "keine Äpfel".
 
6. Wortkombinationen: (s.a. Punkt 1. im "Nachwort") Ein deutsches Wort W ist nicht selten nahtlos zusammengeklebt aus zwei anderen: W1W2, bei Substantiven oft mit einem s dazwischen:  Arbeitszeit, Volksabstimmung, Geldfälschung, Gartenzaun, Waschpulver. Oft kann man solche Kombinationen auch umgekehrt ausdrücken, und zwar: W2 des W1 oder W2 der W1 mit W1 im Genitiv : Zaun des Gartens, Zeit der Arbeit etc. Das macht man zwar nicht, es geht aber. Im Polnischen geht's dagegen NUR zweiteilig: W2 W1 mit W1 im Genitiv ("des" und "der" gibt es nicht); Zusammensetzungen gehen überhaupt nicht, sondern nur Formen wie czas pracy = Zeit der Arbeit, fałszowanie pieniędzy = Fälschung des Geldes sind richtig, anders aber proszek do prania = Pulver zum Waschen (prania = Gen. von pranie= das Waschen), oder  maszynka do golenia = Maschinchen zum Rasieren (= Rasierapparat).
Noch schwieriger: so etwas wie das "Dreikörperproblem" erfordert einen ZweifachGenitiv:  zaganienie trzech ciał = Problem dreier Körper (trzech =Gen. von trzy, ciał =Gen pl. von ciało)
Auch gut: roztocz kurzu domowego = Milbe des Staubs des Hauses (Hausstaubmilbe)
Aber es muss nicht immer Genitiv sein, oft wird stattdessen W1 adjektivisch (meistens mit der Sing.-Endung -owy / -owa) hinter W2 gestellt:  
kamien milowy = Meilenstein, biblioteka narodowa = Nationalbibliothek,  płot ogrodowy = Gartenzaun, alles Nominativ. Sowas machen wir gar nicht.
Ähnlich ist es mit den Ballspielen: Fußball, Handball, Basketball, Baseball :  Die Basiswörter sind 
Ball = piłka (fem!), Fuß = stopa (fem), Hand = ręka; Basket = Korb = koszyk, base = podstawa, 
aber die zusammengesetzten Begriffe sind uneinheitlich ohne Genitiv konstruiert:  
  Fußball = piłka nożna (von noga = Bein!),  
  Handball = piłka ręczna oder szczypiorniak (der Handballer allerdings heißt  szczypiornista)
  Basketball = koszykówka (also Korbball, wie es früher bei uns auch hieß)
  Baseball = baseball oder auch bejsbol, der Ball dabei heißt piłeczka baseballa (piłeczka = Bällchen)

7. Kleine Besonderheit: Namen werden dekliniert, wie es der Endung entspricht. Konsonant am Ende bedeutet "männlich", -a ist weiblich, -i oder -y bedeutet aber "Adjektiv" und dann wird der Name auch so dekliniert. Deshalb kriegen z.B. Namen mit -ki immer die Endung -kiego und nicht -ka, und so kommt auch Willy'ego zustande, s.o.  Noch zwei Beispiele:
Einem Mathematiker namens Stefan Banach kam ganz korrekt eine Straße zu mit dem Namen "ul. Stefana Banacha". Dass allerdings die Straße für den Dramatiker Aleksander Fredro mit "ul. Aleksandra Fredry" benannt wurde, ist ein Ausnahmefall, denn mit -o enden Neutra, und der Genitiv wäre Fredra -- auf -y dagegen werden Feminina mit -a genitiviert.

Nachwort
Der Verfasser des am Anfang erwähnten Werkes hat in seinem Lamento gleich mehrere Fakten übersehen: (hätte er den Titel denn ernst gemeint, aber den hatte er natürlich nur des Effekts wegen [oops, ein Genitiv!] so formuliert.)

1. Der Genitiv ist und bleibt sehr präsent in zahllosen Substantiv-Verbindungen, die für's Deutsche so typisch sind: Minderheitsregierung, Staatsvertrag, Berufskrankheit, Todesanzeige - das s in der Mitte verrät den Genitiv, aber wir würden das nicht umstellen wollen auf  "Vertrag vom Staat" und dergleichen. An dieser Umständlichkeit, mit allerhand "de" und "du" und "de la", krankt doch unheilbar das sonst so elegante Französisch. Englisch macht's ja genauso wie Deutsch, aber verklebt die zwei Wörter nicht miteinander und braucht kein s oder sonstwas dazwischen.)

2. Der Genitiv wäre gar nicht der erste Fall, der bei uns Boden verliert: des Dativs bitteres Los ist das schon längst; er forderte früher zumeist ein -e am Wortende (bei Maskulina und Neutra). Wo ist das geblieben? Aber hat's einer vermisst? (Der Fakt ist sogar in der Wikipedia - falls zum Nachschlagen sonst nichts zur Hand ist - unter "Dativ" bequem nachzulesen. )
Am Reichstag sieht man's noch, das Dativ-e:  DEM DEUTSCHEN VOLKE steht da. Und an alten Gartentoren liest man schon mal: "Achtung vor dem Hunde".

3. Aber auch wenn's so wäre, wen schmerzte denn dem Genitiv sein Ableben? (oops, ein Dativ!?)  Im Englischen ist die Deklination bereits samt und sonders längst beerdigt, und wer beklagt das? Aber Moment, fast alle Fälle sind weggeschwommen, nur einer ist noch da: der Genitiv, mit seiner unverkennbaren Endung  's  in der dritten Person singular. Ächz.

4. Deutsch ist dem Englischen nah genug verwandt, dass es eine entsprechende Verschlankung auch verkraften könnte. Die korrekte Anwendung der Fälle ist eine Art Luxus, ein Glasperlenspiel, dessen Regeln kaum einer komplett versteht, dessen Fachbegriffe aber schon in der Antike, als sie entstanden, nicht klar definiert und abgegrenzt waren, oder keiner hat's damals aufgeschrieben. Und werden denn beim Lernen der Muttersprache irgendwelche Regeln vermittelt? Die Lehrkräfte kennen die gar nicht - für die Mutterschaft wird noch immer kein Sprachdidaktik-Diplom vorausgesetzt. Das einzige Lernprinzip bringen die Schüler schon mit auf die Welt: Hinhören und Nachmachen.

5. Andererseits, und ernsthaft wissenschaftlich betrachtet: Unproblematisch oder gar vernachlässigbar ist trotz aller Unkenrufe der Genitiv im Deutschen keinesfalls (<= das da ist auch einer)! Genauestens untersucht wurde dieses Falles Verwendung und Präsenz in deutschen Texten von Forschern des Instituts der deutschen Sprache in Mannheim. Dieses Bemühens reife Frucht ist eine Genitiv-Datenbank, deren Inhalt sage und schreibe 9,5 Millionen Vorkommnisse umfasst, verteilt auf 500.000 verschiedene Wörter. Das spricht für sich, wenngleich in Polen auch noch die "Vorkommnisse" zu genitivieren wären: "zdarzeń", nicht "zdarzenia" s.o. unter 5.

Nachbetrachtungen

Die slawischen Sprachen, und Polnisch insbesondere, sind und haben eine andere Geschichte! Da ist klar festgelegt, welcher Fall mit diesem Verb und mit jener Präposition einherzugehen hat. Und es gibt sieben, nicht vier Fälle - keiner davon ist entbehrlich, am wenigsten der Genitiv. Am ehesten wohl der Dativ, aber auch der schwebt keineswegs in Lebensgefahr. Die Fälle sind vor allem deshalb wichtig, weil Polnisch keine Artikel hat. Denn wir treiben ja im Deutschen eine Doppelmoppelung, indem auch der Artikel vor dem Substantiv flektiert werden muss und selten entfallen darf:  der - des - deren - dessen - dem - den, usw. Schnitte man die Fall-Endung ab, wäre der Artikel immer noch da! Genau dieses Vorteils [autsch, ein Genitiv!] entbehren die Slawen. Und die französische Umständlichkeit haben sie noch dazu, wenn auch nicht ganz so schlimm, weil ohne "de" und "du" usw. Denn sie können keine Wörter in unserer genialen Art verkleben: Eins von beiden hat im Genitiv dem anderen zu folgen: "warunków umowy" = "Bedingungen des Vertrags" muss man sagen und schreiben statt "Vertragsbedingungen", und "adoracja świętych" = "Verehrung der Heiligen" statt "Heiligenverehrung", oder "wskazówka zegara" = "Zeiger der Uhr" statt "Uhrzeiger" usw. usf.  (umowa = Vertrag, święty = Heiliger, zegar = Uhr.)

Übrigens: die kryptischen lateinischen (dem Griechischen nachgebildeten) Fallnamen haben die Polen nicht übernommen, sondern durch Bezeichnungen ersetzt, die wirklich was Zutreffendes aussagen. Dopełniacz wird der Genitiv genannt, und das bedeutet sowas wie "Vervollständiger" (pełny = voll). Er fügt ja in der Tat seinem Bezugswort etwas hinzu: den Besitzer des Gegenstands zum Beispiel, oder der Straße den Namen dessen, nach dem sie benannt ist - Vor- und Nachname beide genitiviert, wie oben zu sehen.

Ein Blick zurück in die Historie zeigt, dass wir auf dem Weg weg vom Genitiv längst schon weit gekommen sind, ohne dass dieserhalb Aufschreie erschollen wären. Noch um 1920 herum wurde ein "Denkvers" von Johann Christian August Heyse (1764-1829) in den Volksschulen gepaukt:


Nachzulesen hier (auf Seite 230):
http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10583820_00250.html

Es gibt auch regionale Unterschiede: In Bayern sagt man "wegen mir" statt "meinetwegen". Und in Berlin kennt man den Spruch "Man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ."
Man sieht aber, schon damals war ein Anfang gemacht:  drei "Verhältnißwörter" hatten bereits die Dativ-Zulassung. Um diesen Trend noch aufzuhalten hätte das oben zitierte Büchlein mehr als hundert Jahre früher erscheinen sollen! Von dessen Verfasser aber anscheinend gleichfalls unbemerkt gibt es sogar einen umgekehrten Trend weg vom Dativ und hin zum Genitiv! Das ist auch schon der Wikipedia aufgefallen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Präposition
Im aktuellen Duden erfährt man sogar, dass "längs" heute nicht mehr mit dem Dativ verbandelt ist, nur noch "zufolge" und "trotz" lassen sich immer mal mit ihm sehen, in Bayern zumal - schließlich heißt es ja "demzufolge" und "trotzdem". Die Entsprechungen im Polnischen, według und mimo, sind nur des Genitivs Genossen. Unser "zufolge" ist dem Dativ-Verbündeten "gemäß" synonym und  beide sind mit według zu übersetzen.
Unsere Präposition "dank" (von Heyse übersehen) erlaubt neben Genitiv inzwischen ebenfalls Dativ, die polnische Entsprechung dzięki aber nur den Dativ.
Ansonsten ist das Polnische ärmer an  Präpositionen (przyimki) als das Deutsche, ca. 60 Stück gibt es nur, aber die meisten - 38 davon - bestehen auf dem Genitiv.  Daher als Anfänger am besten immer den benutzen, dann macht man die wenigsten Fehler! Allerdings, wie gesagt, sind viele nicht nur dem Genitiv verpflichtet sondern wollen manchmal einen anderen Fall ...  Ach so, wieviele das Deutsche hat?  Das Präpositionen-Wörterbuch des o.g. Instituts listet 132 Präpositionen auf. Wieviele gehen mit dem Genitiv? Die weitaus meisten.

Gut durchschaubare Verhältnisse also weder hier noch dort. Wer Polnisch lernen will, hat ordentlich was zu tun, umgekehrt aber auch. 

Für Hinweise, Korrekturen, Kritik -> B.Eversberg, ©2019/22

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